Die DGNB hat am 11. Februar 2026 den Kriterienkatalog für Gebäude im Betrieb in der Version 2026 veröffentlicht. Sie löst die Version 2020 ab. Wer neu anmeldet, arbeitet ab sofort mit der neuen Fassung.

Für Bestandshalter ist das die relevanteste Zertifizierungsänderung des Jahres. Nicht wegen der Biodiversität und nicht wegen der EU-Taxonomie, obwohl beides drinsteht. Sondern weil die Version 2026 bewertet, wie gut Ihre Verbrauchsdaten sind. Nicht nur, was in ihnen steht.

Zwischen einem Portfolio, das Jahreswerte aus Rechnungen zieht, und einem, das kontinuierlich misst, liegen im Kriterium Klimaschutz und Energie zehn Punkte. In einem Kriterium, das dreißig Prozent der Gesamtbewertung ausmacht. Diese Punkte lassen sich nicht durch bessere Maßnahmen zurückholen.

Was das DGNB System Gebäude im Betrieb bewertet

Das DGNB System Gebäude im Betrieb zertifiziert den laufenden Betrieb bestehender Gebäude, nicht deren Planung oder Bau. Bewertet werden zehn Kriterien aus drei Themenfeldern, jeweils nach Erfüllungsgrad.

ThemenfeldKriteriumGewichtung
Ökologische Qualität (40 %)ENV1-B Klimaschutz und Energie30 %
ENV2-B Wasser5 %
ENV3-B Ressourcenmanagement3 %
ENV4-B Biodiversitätsmanagement am Standort2 %
Ökonomische Qualität (30 %)ECO1-B Betriebskosten10 %
ECO2-B Risikomanagement und Werterhalt15 %
ECO3-B Beschaffung und Bewirtschaftung5 %
Soziokulturelle und funktionale Qualität (30 %)SOC1-B Innenraumkomfort10 %
SOC2-B Nutzerzufriedenheit10 %
SOC3-B Mobilität10 %

Die Kriterien sind überwiegend nach dem Prinzip Plan, Do, Check, Act aufgebaut. Plan heißt: Ziele festlegen. Do heißt: Messwerte und Verbrauchsdaten erfassen. Check heißt: Daten auswerten. Act heißt: Zielerreichung bewerten und Maßnahmen definieren.

Voraussetzung für die Zertifizierung ist, dass die Inbetriebnahme mindestens ein Jahr zurückliegt. Eine vorherige Neubau-Zertifizierung ist nicht nötig. Das Zertifikat gilt drei Jahre und verlängert sich nur durch Rezertifizierung, die jährlich oder spätestens im Dreijahresturnus möglich ist.

Die fünf wichtigsten Änderungen gegenüber der Version 2020

Das System ist jetzt nutzungsunabhängig. Bisher gab es eigenständige Varianten für Büro- und Verwaltungsgebäude sowie für Shoppingcenter. Die Version 2026 gilt für alle Gebäudetypen. Für gemischte Portfolios heißt das: ein System statt mehrerer, und die Objekte werden untereinander vergleichbar.

Die Kriterien sind mit der EU-Regulatorik harmonisiert. Der Katalog enthält einen expliziten Systemabgleich mit der EU-Taxonomie sowie ein eigenes Anhangdokument dazu. Die DGNB nennt außerdem ESRS, CSRD und CRREM als abgeglichene Rahmenwerke und integriert Kennzahlen aus RICS und ZIA. Die ergänzende ESG-Verifikation zur EU-Taxonomie bleibt möglich.

Biodiversität ist ein eigenes Kriterium. ENV4-B, Biodiversitätsmanagement am Standort, mit 2 Prozent Gewichtung. Neu verankert, weil die EU-Taxonomie das Thema behandelt.

Der Klimaschutzfahrplan steht im Zentrum. Innerhalb von ENV1-B ist der gebäudeindividuelle Klimaschutzfahrplan mit bis zu 30 Punkten der schwerste Einzelindikator im Management-Teil. Die volle Punktzahl gibt es erst, wenn der Fahrplan mit den nationalen Klima- und Energiezielen konform ist, alle Treibhausgasemissionen ab 2025 erfasst und ein extern definiertes CO2-Limit einhält.

Die Fassung ist international entwickelt. Gemeinsam mit Partnerorganisationen aus der Schweiz, Österreich, Dänemark und Spanien. Für grenzüberschreitende Portfolios bedeutet das vergleichbare Bewertungen.

Gewichtung der zehn Kriterien im DGNB System Gebäude im Betrieb, Version 2026: ENV1-B Klimaschutz und Energie mit 30 Prozent, ENV4-B Biodiversitätsmanagement neu mit 2 Prozent

Eine Anmeldung auf die alte Version 2020 war noch bis zum 31. Mai 2026 möglich. Bereits nach Version 2020 zertifizierte Projekte dürfen bis zum 1. Januar 2032 nach dieser Fassung rezertifiziert werden.

Warum Datenqualität jetzt direkt Punkte kostet

Hier liegt die eigentliche Neuerung für alle, die Bestand halten.

Das Kriterium ENV1-B bietet 134 Punkte im Bereich Management und 168 Punkte im Bereich Performance. Angerechnet werden maximal 100 Punkte, mit Bonuspunkten 165. Innerhalb des Management-Teils bewertet Indikator 2.1 die Qualität der Datenerfassung. Und zwar gestaffelt:

Wie die Verbrauchsdaten vorliegenPunkte
Messdaten unvollständig, ergänzt durch generische Daten10
Messdaten unvollständig, aber mindestens 50 % der Fläche oder des Verbrauchs15
Messdaten vollständig, auf jährlicher Basis20
Messdaten vollständig, mindestens monatlich25
Messdaten vollständig, kontinuierlich mittels digitalen Monitorings30

Der Katalog definiert kontinuierlich als mindestens täglich, empfohlen stündlich. Bewertet werden nicht nur der Verbrauch, sondern auch Energiebezug, Netzeinspeisung und Eigenproduktion. Zusätzlich fließt ein, wie die Daten in das System kommen: Ablesung aus der Abrechnung, Ablesung am Zähler oder digitale Erfassung.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Ein Jahreswert aus der Versorgerabrechnung erfüllt den Indikator, bringt aber 20 statt 30 Punkte. Die fehlenden zehn Punkte kann kein noch so guter Klimaschutzfahrplan ersetzen, weil sie in einem anderen Indikator sitzen.

Der Effekt setzt sich im Check-Teil fort. Indikator 3.1, Messdatenanalyse, vergibt 5 Punkte für eine einfache jährliche Auswertung und 15 Punkte für eine ausführliche Analyse, die mindestens jährlich auf Monatsbasis erfolgt. Wer nur Jahressummen hat, kann die 15 Punkte nicht erreichen. Es fehlt schlicht die Auflösung, um monatlich zu analysieren.

Zusammengerechnet hängen in ENV1-B zwanzig Punkte allein daran, in welchem Intervall Ihre Daten ankommen. Wie Sie diese Auflösung erreichen, ohne die Gebäudetechnik umzubauen, beschreibt unsere Seite zu ESG und Compliance.

Nicht nur Strom: Wasser und Unterzähler

Das Kriterium ENV2-B Wasser folgt derselben Logik, mit einem zusätzlichen Detail, das für Submetering relevant ist.

Erfassung der WasserverbrauchsdatenPunkte
Mindestens jährlich, Übernahme der Werte aus Abrechnungen5
Mindestens monatlich, Ablesung der Verbrauchszähler15
Kontinuierlich mittels digitalen Monitorings20
Zusätzlich: Erfassung basiert auf Unterzählern+5

Die fünf Bonuspunkte für Unterzähler sind der direkteste Submetering-Bezug im gesamten Katalog. Begründung laut DGNB: Unterzähler dienen der besseren Analyse und Zuordnung der Verbräuche. Genau das ist auch der operative Grund, aus dem Submetering sich für Gewerbeimmobilien rechnet.

ENV2-B wiegt nur 5 Prozent. Aber da es außerhalb der Platin-Nebenanforderung keinen Mindesterfüllungsgrad pro Themenfeld gibt, zählt jeder Punkt gleich viel in die Gesamtbewertung.

Was das für Ihre Auszeichnungsstufe bedeutet

Die Schwellenwerte sind eindeutig:

AuszeichnungGesamterfüllungsgrad
Bronzeab 35 %
Silberab 50 %
Goldab 65 %
Platinab 80 % plus Nebenanforderung

Die Nebenanforderung für Platin verlangt den Nachweis, dass die technischen Kriterien der EU-Taxonomie für Klimaschutz und Klimaanpassung im Wirtschaftsbereich „Erwerb und Eigentum von Gebäuden“ eingehalten sind. Das geht über eine ESG-Verifikation oder über die Erfüllung der entsprechenden Indikatoren im DGNB System selbst.

Abgesehen davon gibt es keinen Mindesterfüllungsgrad pro Themenfeld. Praktisch heißt das: Punkte sind frei verrechenbar. Zwanzig Punkte aus der Datenerfassung wiegen genauso viel wie zwanzig Punkte aus dem Innenraumkomfort, sind aber deutlich schneller zu erreichen, wenn die Messinfrastruktur steht.

Für die Gesamtenergieeffizienz greift der Katalog direkt auf die EPBD zurück. Indikator 5.1 vergibt bis zu 40 Punkte, die volle Punktzahl erst beim Einhalten des Schwellenwerts für den Nullemissionsgebäude-Standard. Wer die Novelle noch nicht eingeordnet hat: wir haben aufgeschrieben, was die EPBD für Gewerbeimmobilien bedeutet.

Portfolios: das Basiszertifikat und die jährliche Datenlieferung

Für Portfolios sieht die DGNB einen zweistufigen Weg vor, und der hat eine Konsequenz, die man kennen sollte.

Im ersten Schritt entsteht ein Basiszertifikat, in dem alle übergeordnet bewertbaren Aspekte geprüft werden. Daraus folgt ein Pflichtenheft, das festlegt, welche objektindividuellen Nachweise für die Folgezertifikate nötig sind. Im zweiten Schritt bekommt jedes Gebäude ein vollwertiges eigenes Zertifikat, wobei die Aspekte aus dem Basiszertifikat nicht erneut nachgewiesen werden müssen.

Das Basiszertifikat gilt sechs Jahre. Die Gebäudezertifikate gelten drei Jahre und werden über die jährliche Einreichung der Verbrauchsdaten rezertifiziert. Alle drei Jahre kommen die übrigen Kriterien dazu.

Damit wird aus der Zertifizierung eine laufende Datenlieferung. Nicht ein Kraftakt alle drei Jahre, sondern jedes Jahr, für jedes Objekt im Portfolio. Wer das mit Abrechnungs-PDFs und Verwalterabfragen bedienen will, unterschätzt den Aufwand erheblich. Es ist derselbe Datenbedarf, der auch bei EDL-G, EnEfG und EPBD auftaucht, nur mit anderem Etikett.

Was Sie vor der Projektanmeldung klären sollten

Sechs Fragen, die den Unterschied zwischen einer glatten und einer zähen Zertifizierung ausmachen:

1. Für welche Objekte liegen vollständige Messdaten über mindestens ein Jahr vor?

2. Welche Flächen und Verbraucher sind nicht erfasst, und wie groß ist dieser Anteil?

3. In welchem Intervall kommen die Daten an: jährlich, monatlich oder kontinuierlich?

4. Sind Energiebezug, Netzeinspeisung und Eigenproduktion getrennt erfasst?

5. Gibt es Unterzähler für Wasser, und sind sie ausgelesen oder nur verbaut?

6. Wer liefert die Mieterverbräuche, in welcher Form, und wie lange dauert das?

Frage drei entscheidet über zwanzig Punkte. Frage sechs entscheidet meistens über den Zeitplan.

Der Teil, den Sie nicht nachholen können

Fast alles an einer DGNB-Zertifizierung lässt sich mit genug Aufwand kurzfristig herstellen. Ein Klimaschutzfahrplan ist in Wochen geschrieben. Eine Nutzerbefragung ist organisierbar. Eine Betriebskostenaufstellung auf dritter Kostenebene ist Fleißarbeit.

Ein Jahr kontinuierlicher Messdaten ist keine Fleißarbeit. Es ist ein Jahr.

Wer 2027 oder 2028 zertifizieren will, entscheidet jetzt, mit welcher Datenqualität er antritt. Das ist die eigentliche Botschaft der Version 2026: Die DGNB bewertet nicht mehr nur, wie gut Ihr Gebäude läuft. Sie bewertet auch, wie gut Sie das wissen.